Warum ich den Papstpalast in Avignon nie besichtigt habe

Published on 12 September 2017
  • Papstpalast, Avignon

    Der Papstpalast wacht über die Stadt Avignon - © Robynmac / Getty Images

    Papstpalast, Avignon

    Der Papstpalast wacht über die Stadt Avignon - © Robynmac / Getty Images

Warum ich den Papstpalast in Avignon nie besichtigt habe avignon fr

Ist das Beste an einer Reise nicht das, was man erlebt, wenn Wege zu Umwegen werden? In Frankreich muss man manchmal sein Programm beiseite lassen und sich überraschen lassen.

Sie kommt aus London, er aus Pennsylvania. Sie haben sich in Avignon zu einer Entdeckungsreise in die Provence verabredet. Als sie in Avignon eintreffen, ist das Festival voll im Gange. Ballett, Theater, Flamenco – es gibt so viel zu sehen und zu hören! Sie will unbedingt den Papstpalast besichtigen. Sechs Tage lang streifen sie ihn, nähern sich ihm mehrmals an, ziehen Kreise um ihn. Sie kommen aber nie über den Vorplatz hinaus.

1. Tag

Was für eine Hitze! Wundervoll. Nun ja, vielleicht ist es doch ein wenig zu heiß ... An der Hotelrezeption wird ihnen geraten, den Papstpalast zu besichtigen, weil es in den päpstlichen Gemächern schön kühl ist. Ja, aber am Vorplatz zeigt ein Pfeil die Richtung zum Garten des Rocher des Doms an. Wir folgen dem Pfeil und stehen plötzlich 30 Meter oberhalb der Rhône in einem herrlichen englischen Garten, von dem aus man die ganze Stadt überblickt.

2. Tag

Auf der Suche nach dem Parkplatz des Papstpalastes überquere ich die Rhône. Am anderen Ufer entdecke ich Villeneuve-lès-Avignon, einen bezaubernden Ort. Wir verlieren uns in seinen Gassen und stoßen dann rein zufällig auf ein Restaurant mit einer großen Terrasse direkt am Flussufer. Es heißt Basta Cosi. Du schmollst, du hättest lieber provenzalisch gegessen. Ich habe Hunger und bestehe darauf, hier einzukehren. Der Garten ist wunderschön, der Chefkoch ist Sizilianer, die Pizzen sind perfekt. Als wir unseren Espresso trinken, willst du hier gar nicht mehr weg.

3. Tag

Nach einer Tanzvorstellung vertrete ich mir im Viertel des Théâtre de Paris die Beine und stoße auf das winzige Musée Angladon. Der Museumswärter erzählt mir, dass in dem Stadtpalais früher ein unersättlicher Kunstsammler und Mäzen gewohnt hat. Chardin, Vernet, Degas, Modigliani, Cézanne, Van Gogh, Picasso ... In jedem Raum findet man Werke und Mobiliar eines Stils und einer Epoche. In einer fast häuslichen Atmosphäre reise ich vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. In Europa und im Orient. Als ich das Museum verlasse, habe ich das Gefühl, einen Freund besucht zu haben.

4. Tag

Auf der Brücke von Avignon tanzt heute niemand mehr*. Sie ist schon seit langem teilweise zusammengebrochen und führt nicht mehr zum gegenüberliegenden Ufer. Um den Rest des Bauwerks aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, fahren wir mit dem Pendelschiff zur Ile de la Barthelasse, die wir mit dem Fahrrad erkunden. Wir sehen eine Menge Vögel und eifrige Biberratten. Von der Böschung aus zeigst du mir den Papstpalast.

5. Tag

Der Großvater des Eigentümers unseres Lieblingscafés hat viele Geschichten zu erzählen. Der ehemalige Olivenbauer erinnert sich an das Fruité noir, das Olivenöl seiner Kindheit. Auf seinen Rat fahren wir zur Olivenölmühle von Maître Cornille in Maussane-les-Alpilles. In diesem perfekten Dorf essen wir unter den Platanen zu Mittag, eingelullt vom Plätschern der Fontäne, mit dem lautstarken Singen der Zikaden und dem sympathischen Akzent des Chefs als Hintergrundmusik.

Letzter Tag

Ich freue mich so sehr, bei einem Kochkurs über die Küche der Provence in der École de La Mirande zwei Plätze ergattert zu haben, dass mir der Papstpalast völlig entfallen war. Wir haben aber jeden Tag ein Theaterstück oder eine andere Vorstellung gesehen und eine Provence entdeckt, die uns überrascht hat. Liebe Päpste, eure Residenz wird noch ein wenig auf uns warten müssen!

* „Sur le Pont d’Avignon, on y danse, on y danse ...“ ist ein altes französisches Volkslied.

Die Etappen dieser Reise auf Umwegen:

Festival d’Avignon: 3 Wochen, 3 000 Vorstellungen, jedes Jahr im Juli. - http://www.festival-avignon.com/en/ und http://www.avignonleoff.com/en/
Basta Cosi, Impasse du Pont, Villeneuve-lès-Avignon
Musée Angladon, http://angladon.com/
Moulin de Maître Cornille, Rue Charloun Rieu, Maussane-les-Alpilles
La Mirande, Hotel, Restaurant und Kochschule: http://m.la-mirande.fr/fr/accueil.html
Und nicht zu vergessen, der Papstpalast: http://www.palais-des-papes.com

Sehenswert

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